1. Augustfeier 2026
Klein, aber fein und mit Regierungsrätin
Auch in diesem Jahr fand mit Regierungsrätin Martina Bircher eine hochkarätige Rednerin den Weg nach Siglistorf an die Bundesfeier. Die werdende Mutter sprach über «Vertrauen in die Demokratie».
SIGLISTORF (wi) «Werdende Mutter» deshalb, weil Martina Bircher, das jüngste Mitglied der Aargauer Regierung, anfangs nächstes Jahr zum zweiten Mal Mutter wird und ab Dezember im Mutterschafts-Urlaub ist. Die Mutterschaft der Bildungsdirektorin war in Siglistorf an der Bundesfeier allerdings nur am Rande ein Thema. Dann nämlich, als Gemeindeammann Dieter Martin und der die Bundesfeier organisierende Vizeammann Romeo Koch sich bei Martina Bircher für ihre Rede und ihr Erscheinen bedankten. Da gab es für die Magistratin als Dank für ihr Erscheinen und ihre gehaltvolle Rede nicht nur einen grossen Blumenstrauss, sondern auch einen Neugeborenen-Body mit dem Siglistorfer und dem Schweizer Wappen und der Aufschrift «Für den kleinsten Gast an unserer Bundesfeier».
Demokratie ist nicht immer einfach
Über dieses spezielle Geschenk freute sich Martina Bircher. In ihrer gut viertelstündigen Ansprache ging die Bildungsministerin nicht auf ihre Schwangerschaft, sondern auf die Demokratie ein. «Demokratie hat viel mit Vertrauen zu tun. Vertrauen in den Staat. Aber der Staat muss auch ins Volk Vertrauen haben». In anderen Staaten werde oft gesagt, das Volk verstehe die Gesetze und Verordnungen nicht, weshalb im Gegensatz zur Schweiz weniger oder gar keine Abstimmungen zu Sachgeschäften stattfinden.
Martina Bircher nannte als Beispiel eine Touristen-Familie aus China, die sie kürzlich getroffen hat: «Ich bin mit dieser Familie recht rasch in eine politische Diskussion gekommen. Sie konnten fast nicht glauben, dass wir in der Schweiz uns auch zu Sachgeschäften äussern können. Das hat damit zu tun, dass der Staat uns vertraut und annimmt, dass wir die Tragweite von Vorlagen abschätzen und dazu etwas sagen können.»
Nach Martina Birchers Ansicht ist dieses Vertrauen des Staates kein blinder Vorschuss: «Die Menschen von heute sind kritischer geworden. Das ist auch gut so. Sie prüfen genauer, erwarten Fairness, Leistung und Transparenz.»
Ganz Bildungsministerin weiss Martina Bircher auch, wo das Vertrauen zum Staat entsteht und wo es gefördert wird: «Das Vertrauen in den Staat beginnt schon in der Schule. Die Schule ist die erste staatliche Institution, die ein Kind erlebt. Es merkt schnell: Sind die Regeln fair? Werde ich ernst genommen? Bekomme ich eine Chance.» Martina Bircher schilderte anhand ihrer eigenen Biografie, dass man und frau die Chance nicht nur erhalten, sondern diese auch nutzen muss. Sie schaffte es von der Realschule über den Gemeinderat, Grossen Rat und Nationalrat in die Regierung.
In der Legislative am rechten Ort
Im persönlichen Gespräch nach der Rede gab Martina Bircher zu, dass sie lieber Exekutiv-Politikerin als Parlamentarierin ist: «In der Exekutive kann man gestalten. Das liegt mir besser als jahrelang an etwas herumzudiskutieren.» Als Beispiel nannte sie einen politischen Vorstoss aus dem Jahre 2009, der dann 15 Jahre später im Nationalrat zur Abstimmung kam: «Kommt dazu, dass, wenn wir aus dem Nationalratssaal gingen, trotz klarem Entscheid immer noch nicht wussten, ob der Beschluss so auch blieb. Der Ständerat konnte ja immer noch anderer Meinung sein und den von Nationalrat gefassten Beschluss wieder umstossen.»
Vom Parlament zur Exekutive
Obwohl Martina Bircher also lieber in der Exekutive als in einem Parlament arbeitet, gab sie in ihrer Rede in Siglistorf auch zu, dass gerade für die Exekutive die Demokratie nicht immer einfach ist: «Durchregieren wie in vielen anderen Ländern können wir nicht, obwohl das einfacher wäre. Demokratie kann manchmal ganz anstrengend sein.»
Als Beispiel nannte Martina Bircher die Diskussionen um das Frühfranzösisch. Die Medien strichen das als Streit zwischen Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider und Regierungsrätin Martina Bircher aus. Dies, weil der Bundesrat das Erlernen einer zweiten Landessprache für die Kinder als nötig erachtet, während der Kanton Aargau das Erlernen von Französisch auf die 6. oder 7. Klasse verschieben möchte. «Im Kanton Aargau kamen wir zu der Ansicht, dass das spätere Erlernen angezeigt sei, weil ja viele Kinder beim Schuleintritt nicht einmal richtig Deutsch können.» Tatsächlich war das dann ein Streit zwischen der Aargauer Bildungsdirektion und dem Bundesrat, der hohe Wellen warf.
Nachteiliges sah Martina Bircher darin, wie sie in Siglistorf sagte, nicht. Vielmehr war dies für sie ein ganz normaler demokratischer Prozess: «Demokratie und Streit heisst auch, diskutieren, abwägen, tragen und etwas wagen. Demokratie lebt vom Mitmachen.»
Am Schluss ihrer Rede ermunterte die Regierungsrätin die Anwesenden, zu Hause, im Verein oder in der Gemeinde über Demokratie und Politik zu reden: «Demokratie lebt vom Mitmachen. Deshalb feiern wir am 1. August keine Jahreszahl, sondern die Entscheidung, einander zu vertrauen.»
Mit dem Singen der Landeshymne ging auch in Siglistorf der offizielle Teil der Bundesfeier zu Ende. Da Siglistorf für Martina Bircher der letzte Ort ihrer diesjährigen Bundesfeierrede-Tour war, verblieb sie auch noch länger in der Studenländer Gemeinde. Dies, obwohl Siglistorf mit 885 Einwohnerinnen und Einwohnern nach Schöftland und Dottikon ganz klar der kleinste Ort war, wo Martina Bircher in diesem Jahr sprach. Dass in Siglistorf derzeit 885 Menschen leben, erwähnte Martina Bircher gleich zu Beginn ihrer Bundesfeier-Rede. Das zeigte, dass sich die Regierungsrätin im Vorfeld auch mit einer der kleineren Gemeinden des Aargaus vertraut gemacht hatte.